Reinraum-Blog zu partikelfreien Gegebenheiten

Denkfehler 23: Messtechnische Parameter vs. visueller Eindruck oder, der erste Eindruck ist nicht immer der Richtige

Geschrieben von COLANDIS Marketing | 27.10.2026

Sie kennen sicherlich mindestens eine dieser Situationen: 

  • Sie sind der Meinung, den perfekten Reinraum zu haben, alles neu installiert, sehr gute Verarbeitung aller Komponenten, rein visuell ein Vorzeigereinraum. Doch die Qualität Ihrer Produkte lässt zu wünschen übrig und alles deutet darauf hin, dass Kontaminationen im Reinraum das Ergebnis negativ beeinflussen.

  • Oder Sie arbeiten in einem Reinraum, den man möglichst niemandem zeigen möchte. Viele grundlegende Regeln werden nicht eingehalten, der Reinraum verkommt zur Abstellkammer, es werden Hilfsmaterialien eingesetzt, die jedem Verständnis einer reinen Fertigung widersprechen. Aber die Ergebnisse Ihrer Arbeit im Reinraum sind perfekt. Keinerlei Qualitätsprobleme durch Verunreinigungen Ihrer Produkte. Ihre Kunden sind mit der Qualität Ihrer Arbeit sehr zufrieden.

Diese zwei Situationen sind mir persönlich selbst bei Kunden untergekommen. Beim ersten Beispiel wurde ich um Hilfe gebeten, die Ursache zu finden, weshalb die Produkte mehrfach im Reinraum wieder demontiert und gereinigt werden mussten. Meine Analyse ergab, dass es einer der teuersten Reinräume gewesen sein muss, den ich je gesehen hatte. Wände und Decken bestanden ausschließlich aus Edelstahl und Glas, perfekt glatte Oberflächen, eine hohe Anzahl von Filterauslässen ließen vorerst keine Schlüsse auf konstruktive Fehler zu. Doch die Messergebnisse der Luftreinheitsklasse entsprachen nicht den Vorstellungen. Der Filterscantest und die Prüfung des Dichtsitzes der Filter waren in Ordnung.

Glücklicherweise hatte es der Betreiber noch nicht geschafft, die Schließzylinder in die Türen einzubauen. Ein Test mit dem Feuerzeug ließ die Flamme durch das Türschloss bis in den Reinraum hinein ragen. Es herrschte ein extremer Unterdruck, so dass durch die existierenden Leckagen Kontaminationen in Größenordnungen in den Reinraum gelangten. Nach einem Blick auf die Decke des Reinraums empfahl ich, die noch nicht angeschlossenen Luftkanäle an die Filterauslässe anzuschließen. Damit war das Problem behoben.

Im zweiten Beispiel wollte ein Kunde seinen Reinraum optisch aufwerten, da ihn seine Kunden dies nahelegten, dies zu tun. Besagter Reinraum war sehr einfach, aber effizient aufgebaut. Eine einfache Reinraumdecke mit Lüfter-Filter-Modulen und Folien diente als Abtrennung zum umgebenden Bereich. Im Reinraum selbst sah es jedoch nicht nach einer Reinraumfertigung aus. Da gab es Tische mit abgeschlagenen Holzplatten, um die Montagebereiche herum türmten sich die Pappkartons, gefüllt und leer, aber im Montagebereich der Produkte war alles in Ordnung. Die Messergebnisse entsprachen den Vorgaben. Die reine Luft von den Filtern in der Decke strömte zuerst über die Montagebereiche und zu montierenden Produkte und dann seitlich unter den Folien in den umgebenden Hallenbereich. Die Montagebereiche wurden regelmäßig gereinigt, das Personal war entsprechend gekleidet und kein Produkt verließ unverpackt den reinen Bereich. Die potenziellen Partikelquellen befanden sich lufttechnisch gesehen im Abströmbereich der Luft und hatten demzufolge keinen Einfluss auf die Produkte. Die Zufriedenheit des Kunden wurde durch das Aufräumen des Reinraums und das Entfernen aller „anstößigen“ Materialien erreicht.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Reinräume und reine Bereiche nur so gut wie nötig und nicht so gut wie möglich ausgestattet werden sollten. Die vorgegebenen Parameter müssen eingehalten werden und rein visuell sollten diese Bereiche auch dem annähernd entsprechen, was sie darstellen sollen.  

- Joachim Ludwig, Gründer und Gesellschafter der COLANDIS GmbH -

Die Sammlung aller Denkfehler finden Sie in unserem Buch "Die Kunst des 'Reinen' Arbeitens":

 

Die entscheidende Erkenntnis

Beide Beispiele zeigen: Der visuelle Eindruck eines Reinraums ist kein verlässlicher Indikator für die tatsächliche Reinheit. Entscheidend sind messbare Parameter.

 

Was wirklich bewertet werden muss

Für eine fundierte Beurteilung werden zwei Ebenen betrachtet:

  • Reinraumtauglichkeit: Bewertung der Umgebung (Luftreinheit, Druckverhältnisse, Strömung)
  • Reinheitstauglichkeit: Bewertung von Betriebsmitteln, Materialien und Prozessen

Erst das Zusammenspiel beider Faktoren ermöglicht eine belastbare Aussage.

 

Fazit

Reinräume sollten nicht "so gut wie möglich", sondern "so gut wie nötig" ausgelegt werden. Entscheidend ist nicht der Aufwand – sondern das Ergebnis.

Ihr nächster Schritt

Wenn Sie sicherstellen möchten, dass Ihre Prozesse unter realen Bedingungen die geforderte Reinheit erreichen, unterstützen wir Sie mit gezielten Messungen und einer individuellen Bewertung Ihrer Anwendung.